Vorwort
Ich möchte Euch durch eine Reihe von Kurzgeschichten mit auf die Reise nehmen. Unsere Reisen nach Thassos und die Reise bis zu einem eigenen Olivenhain mit großartigen Produkten. Taucht ein in meine Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse, die zu DHENTRO geführt haben. Viel Spaß beim Schmökern!
Vom Jumpseat nach Skala Prinos
Es war dieser siebzehnte August zweitausendeinundzwanzig, ein Dienstag. Er begann mit dem Potenzial zur Katastrophe. Dienstags war nicht mein Lieblingstag. Schon gar nicht, wenn ein Flug anstand. Das war seit diesem Desaster von Hamburg nach Berlin so, einer Kurzstrecke, die sich anfühlte wie eine dreifache Bruchlandung in Zeitlupe. Damals hatte ich mir geschworen, den Boden nur noch direkt unter meinen Füssen zu behalten. Eine ziemlich unpraktikable Schwurformulierung, wie sich für längere Reisen zeigte.
Dann war da unser Vermieter. Seine berufliche Existenz war es, diese Metallvögel durch die Luft zu bugsieren. Lufthansa, das klang nach Sicherheit, nach Pünktlichkeit. Nach dem Gegenteil von meinem persönlichen Höllenflug. Er hatte mir angeboten, den Start im Cockpit zu erleben. „Kommste mal mit nach vorne“, hatte er gesagt, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, seine Mieter in das Allerheiligste einer Boeing zu lassen. Ich hatte zugesagt, wohlwissend, dass ich es bereuen würde. Oder dass es mich heilen würde. Beides schien gleichermaßen wahrscheinlich.
Also saß ich da, auf dem Jumpseat. Der Vermieter drückte Knöpfe und schob Hebel, als würde er seine Kaffeemaschine bedienen. Ich starrte auf die zahllosen Anzeigen, die roten und grünen Lichter, und wartete auf das altbekannte Gefühl der Panik, das mich sonst wie eine Gussform umschloss. Es kam nicht. Stattdessen war da diese unheimliche Ruhe, die vom Vermieter ausging. Eine fast schon langweilige Professionalität, die selbst die größten Ängste zu profanen Nebensächlichkeiten degradierte. Die Maschine beschleunigte. Der Druck in den Ohren war derselbe wie immer, aber mein Magen blieb da, wo er hingehörte. Dann hoben wir ab. Sanft. Unglaublich sanft. Ich sah die Startbahn unter uns verschwinden, sah Frankfurt kleiner werden und verstand. Das war es also. Der Moment, in dem ein Pilot und zwei Flaschen Wolfscraft Super Lager meine Kindheitstraumata in Vergessenheit bringen ließen.
Um 13:49 Uhr war der Take-off gewesen. Zwei Stunden später, zwei geleerte Flaschen dieses süffigen Wolfscrafts, und wir rollten am Flughafen „Alexander der Grosse“ in Kavala aus.

Die Hitze Kavalas schlug uns entgegen wie ein nasser Waschlappen, als wir aus der klimatisierten Geborgenheit der Kabine traten. Meine Frau stellte die Reisetasche ab und blinzelte in die Sonne. Unsere damals siebzehnjährige Tochter suchte schon mit dem Handy in der Hand nach dem WLAN. Routiniert. Als wäre das hier die nächste Haltestelle auf dem Weg zum ewigen Datenstrom. Kurz noch ein Familienfoto mit dem Vermieter, der in seiner Pilotenuniform schon vor der riesigen Turbine stand. Er sah aus, als könnte er auch persönlich für den reibungslosen Ablauf des griechischen Urlaubs garantieren. Ich stand daneben, lächelte ins Nichts und wünschte mir, die Sonne würde mich einfach aufsaugen. Dann Verabschiedung. Er würde zurückfliegen, wir würden uns in der Sauna namens Griechenland bewähren.
Hundert Meter über das glühend heiße Rollfeld, das sich anfühlte wie ein Grillrost unter den Sohlen, führte der Weg in die wiederum klimatisierte Abfertigungshalle. Eine seltsame Oase der Sauberkeit. Das Gepäckband mäanderte wie eine müde Schlange. Der Ansturm auf das Band war vorprogrammiert, doch unsere mit rotem Geschenkband markierten Koffer ließen auf sich warten. Genug Zeit, um die Blase von den zwei Wolfscraft Super Lager auf den ebenfalls ausgesprochen sauberen Toiletten zu entleeren. Ein unerwarteter Bonus für einen Flughafen in der griechischen Provinz.
Mit den mit rotem Geschenkband markierten Koffern ging es wieder raus in die Hitze, die mittlerweile eine vertraute Präsenz angenommen hatte. Kurze Orientierung, dann der Taxistand. Dort stand Aries, ein Taxifahrer, dessen Name nach Sternzeichen klang und dessen Fahrstil an einen griechischen Gott erinnerte. Er fuhr uns in Rekordzeit die zwölf Kilometer vom Flughafen zum Fährhafen in Keramoti. Google Maps veranschlagte vierzehn Minuten. Aries schaffte es in elf. Er drückte mir seine Karte in die Hand, mit dem Hinweis, dass ein kurzer Anruf oder eine Nachricht über Viber reiche, wenn wir zurückfahren wollten. Es war die erste von vielen Taxifahrer-Visitenkarten.
Am Fährhafen, eine weitere Schlange, diesmal vor einer sichtlich genervten Fährticketverkäuferin. Die Tickets waren ausgesprochen günstig, fast schon verdächtig günstig. Gerade noch schafften wir es unter lautstarken griechischen Anfeuerungsrufen “Pame, Pame!” auf die Fähre, bevor die Rampe hochgezogen wurde. Die Fähre setzte sich zeitgleich in Richtung Thassos in Bewegung. Die Luft auf dem Deck roch nach Salz und Schweröl. Der nächste Schritt war getan.

Nach fünfzig Minuten auf See, in denen die Gischt und der Geruch von Diesel und Freiheit in der Luft lagen, ging um 17:38 Uhr die Rampe wieder runter. Sie scheuerte mit einem unheilvollen Kreischen über den Beton des Kais im Fährhafen von Limenas. Ein Geräusch, das nach Ankunft klang. Nach Ende einer Etappe und Beginn einer neuen Ungewissheit.
Die Autos, vornehmlich mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen, die LKW mit Waren für die Insel und die Reisebusse voller Pauschaltouristen standen an der Startlinie wie bei den 24 Stunden von Le Mans. Eine seltsame Mischung aus Hektik und stoischer Geduld. Zwischendrin Roller, Motorräder und Passagiere, die zu Fuß und mit Koffern beladen versuchten, das Festland als Erste zu erreichen, unbeeindruckt von den lautstarken Rufen und dem Getriller der Trillerpfeifen des Deckpersonals. Ein organisiertes Chaos, das nur hier, in dieser Hitze und unter diesem blauen Himmel, Sinn zu ergeben schien.
Am Fährhafen warteten die Nachbarn auf uns. Die Nachbarin, die mit ihrem Mann, dem Nachbarn, und ihrem Sohn, damals sieben Jahre, zweitausendzwanzig nach Thassos ausgewandert war. Sie waren unsere Nachbarn in Deutschland gewesen, die Nachbarin Patentante unserer Tochter und die beste Freundin meiner Frau.
Nach großer Freude, Tränen und einem Wirrwarr aus „Hallo“ und „Kalimera“ quetschten wir fünf uns mit den Koffern in den schon etwas betagten silbergrauen Hyundai Santa Fe. Ein Auto, das schon bessere Tage gesehen hatte, aber hier, unter der griechischen Sonne, eine Art zeitlose Würde ausstrahlte. Die Fahrt ging an der Küstenstraße entlang nach Skala Prinos, dem Ort, der zu meinem Sehnsuchtsort und meiner zweiten Heimat werden sollte. Damals wusste ich das noch nicht. Damals war es nur ein weiterer Name auf der Landkarte, ein Ziel, das nach dem Flug, dem Taxi und der Fähre endlich erreicht werden wollte. Die Landschaft zog vorbei, Olivenhaine, das glitzernde Meer, und ich dachte: Das hier ist anders. Das hier ist Thassos.
In Skala Prinos angekommen, bezogen wir unser „Penthouse“ bei den Brüdern. Der Name „Penthouse“ war vielleicht etwas hochgegriffen, aber angesichts der Lage und des Charmes des Ortes konnte man darüber hinwegsehen. Das Haus lag direkt am feinen Sandstrand, und die Aussicht vom Balkon unseres Apartments war eine Wohltat für die Augen: über die liebevoll eingerichtete Beachbar mit zahlreichen Sonnenliegen und den mit Palmenblättern gedeckten Sonnenschirmen hinweg auf das klare, azurblaue Wasser. Es war das Postkartenmotiv, das sich in der Realität noch besser anfühlte.
Der Claim der Brüder-Beachbar – „no shirt – no shoes – no problem“ – passte ganz wunderbar zu diesem Ort. Eine Philosophie, die den Kern des entspannten Insellebens traf und meinem persönlichen Gemütszustand nach der Anreise sehr entgegenkam.
In direkter Nachbarschaft hing ein großes, buntes Werbeplakat eines nahegelegenen Hotels, das die Vorzüge seiner Beachbar anpries, unter anderem „Kids Playground“ als Highlight. Darunter der Claim „enjoy the silence“. Ich war mir nicht sicher, war es verunglückte Positionierung oder griechischer Humor.

Nachdem alle Habseligkeiten verstaut und die Formalitäten zum Check-in in Badehose und Flip-Flops erledigt waren, fühlte sich der nächste Schritt fast zwangsläufig an. Zuerst war da nur die unwiderstehliche Anziehungskraft des Mittelmeers. Nach der langen Anreise, der Hitze und all den kleinen Unwägbarkeiten war die Abkühlung im klaren Wasser unbeschreiblich. Ein Eintauchen, das mehr war als nur eine Erfrischung; es war eine Art Ankommen, ein Loslassen all des Reisestresses.
Die nächsten Tage dienten der Entspannung und der Orientierung in Skala Prinos. Eine wichtige Phase, in der das Hirn langsam vom deutschen Takt auf den griechischen umstellte. Abends pilgerten wir zum „Andreas Grill“ für Gyros Pita. Eine Erfahrung, die mit einigen Überraschungen aufwartete. Die zum Hörnchen gerollte Pita war nicht nur mit Fleischschnipseln und Salat gefüllt, sondern auch mit „Patates“, also Pommes Frites. Und als wäre das nicht genug, gab es neben dem obligatorischen Tsatsiki eine weitere Soße, auf Senfbasis. Eine Offenbarung für den Gaumen, eine kleine Sensation in einer Welt voller vermeintlich bekannter Geschmäcker. Man lernte nie aus.
Wir besuchten die Nachbarn in ihrem süßen kleinen Häuschen. Dort schmiedeten wir im Garten Pläne für gemeinsame Ausflüge auf der Insel. Eine Art strategische Planung für die kommenden Tage, bei der die griechische Gelassenheit schon ein wenig auf die deutsche Effizienz abfärbte. Die Nachbarin erzählte von den Tücken des Griechischen, das ihr trotz intensiver Sprachkurse immer noch Schwierigkeiten bereitete. Eine Sprache, die sich nicht einfach so in deutsche Grammatikschemata pressen ließ. Und dann war da die Sache mit der Pünktlichkeit. Oder besser gesagt, der zuverlässig unzuverlässigen Pünktlichkeit. Oder der sehr entspannten Arbeitsmoral, die so konträr zu deutschen Erwartungen stand, dass man sich fragte, wie das alles hier überhaupt funktionierte. Aber es funktionierte. Irgendwie. Trotzdem waren sie froh, Thassos „Heimat“ nennen zu können. Ein Heimatgefühl, das sich wohl über die kleinen Unzulänglichkeiten hinwegsetzte. Gerade arbeiteten sie daran, ein passendes Büro als Immobilienmakler zu finden, um ihr Geschäft zu starten. Die Nachbarin, vom Fach, eine gelernte Immobilienkauffrau, brachte das nötige Wissen mit, die Insel das nötige Potenzial.
Die meiste Zeit verbrachten wir am Strand, unter dem mit Palmenblättern gedeckten Sonnenschutz. Dort spielten wir Tavli, eine griechische Form von Backgammon. Die Regeln sind schnell erklärt, das Suchtpotenzial jedoch ist immens. Man legt die Steine, würfelt, setzt aus, und plötzlich vergeht die Zeit in einer flirrenden Blase aus Konzentration und Entspannung. Dazu trank ich kaltes Mythos aus einem vorgefrosteten Halbliterglas. Das Bier perlte im Glas, und der kalte Dunst des Glases kühlte die Finger. Ein kleines Ritual, das sich schnell etablierte. Wir machten „Heliotherapia“, ein wunderbares griechisches Wort für Sonnenbaden, das so viel poetischer klang als die bloße Handlung, sich die Haut bräunen zu lassen. Und immer wieder schwammen wir in der Ägäis, deren Wasser eine konstante, wohltuende Präsenz war. Das Leben konnte schlimmer sein. Viel schlimmer.
Die Tage vergingen mit der sanften Langsamkeit, die Thassos so eigen war. Wir besuchten Limenas, die Hauptstadt, ein Gewirr aus kleinen Gassen, Geschäften und Tavernen, das eine angenehme Abwechslung zur Ruhe von Skala Prinos bot. Und Limenaria, ein weiterer Küstenort, der seinen eigenen, etwas raueren Charme hatte. Es waren Erkundungen ohne große Erwartungen, einfach ein Ankommen in der Geografie der Insel.
Die Abende verbrachten wir in Bars, oft am Natura Beach, einer Beachbar nahe Skala Prinos. Sie war umgeben von nichts als Ruhe, Sand und Meer. Eine Oase, die ihren Namen zu Recht trug. Dort saß ich mit einem weiteren Kaltgetränk im vorgefrosteten Glas in der Hand und beobachtete. Meine Frau, entspannt und zufrieden, wie ich sie selten erlebt hatte. Sie lachte mehr, atmete tiefer, schien mit sich und der Welt im Reinen. Nach fünf Tagen auf dieser wundervollen Insel war sie eine andere. Eine bessere Version ihrer selbst.
Das war der Punkt, an dem die ersten Gedanken aufkamen. Nicht laut, nicht fordernd, eher wie leise Wellen, die an den Strand rollten und kleine Spuren im Sand hinterließen. Die Sinnhaftigkeit des Alltags in Deutschland. Die Pendelstrecke, die Meetings, die ewige Jagd nach dem Nächsten. Und hier? Hier gab es die Sonne, das Meer, das Tavli und die zuverlässig unzuverlässige Pünktlichkeit. Ein leises Flüstern von der Möglichkeit, hier auf Thassos Fuß zu fassen. Ein Gedanke, der in der warmen Abendluft hing, während das Rauschen des Meeres alle Zweifel zu verschlucken schien.
Am 25. August 2021, ein Mittwoch, kam im Gespräch mit dem Nachbarn das Thema auf, das in der Hitze Thassos‘ wie eine logische Konsequenz schien: Olivenanbau und die Herstellung von eigenem Olivenöl.
Wir waren beide begeistert vom einzigartigen Geschmack der “Throumba Thasou” der auf Thassos heimischen Olivensorte. Von der hervorragenden Qualität der Olivenöle. Wie man das wohl umsetzen könnte, war die Frage. Und wie der Export und der Vertrieb zu organisieren wären. Der Gedanke war verlockend, roch nach Sonne und Erde, nach etwas Ursprünglichem.
Eine kurze Recherche ergab allerdings unzählige bürokratische Hindernisse, sowohl auf griechischer als auch auf deutscher Seite. Man brauchte Lizenzen für den Anbau, Steuernummer für den Landerwerb, Genehmigungen für die Verarbeitung, Zertifikate für den Export, und natürlich endlose Formulare für die Einfuhr nach Deutschland. Eine bürokratische Odyssee, die selbst den größten Idealismus im Keim ersticken konnte. Trotzdem war der erste Gedanke an eine eigene Unternehmung da. Der Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen, auch wenn die Realität sich als zäher erwies als das gedankliche Planspiel unter Palmen.
Weitere Ideen, um auf der Insel wirtschaftlich Fuß zu fassen, drehten sich um das Naheliegendste: eine Brauerei. Ich, als Braumeister, hatte das Fachwissen. Die Insel hatte das Potenzial für kaltes Mythos, warum nicht auch für ein eigenes, handgemachtes Bier? Der Gedanke an eine eigene Mikrobrauerei, die mitten im griechischen Sommer ein kühles Blondes oder ein dunkles Ale produzierte, hatte etwas Verlockendes. Eine Nische, vielleicht. Oder eine völlige Schnapsidee. Das musste sich noch zeigen. Aber die Saat war gesät.
Die Tage auf Thassos waren eine Abfolge von Entdeckungen und Gedanken. Eine bemerkenswerte Exkursion führte uns zum Kloster des Erzengels Michael, einem Ort, der eine unerwartete Ruhe und Besinnung ausstrahlte. Manchmal brauchte man diese stillen Momente, um das Chaos im Kopf zu sortieren. Dann der Abstieg nach Giola, nahe Aliki, einem natürlichen Pool oberhalb des Meeres. Die Kinder waren kaum zu halten. Nach anfänglichem Zögern sprangen sie wieder und wieder von immer weiter oben hinein, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt. Eine Leichtigkeit, die ich bewunderte und die mir manchmal abhandengekommen schien.
Die Gespräche über die Errichtung einer Brauerei nahmen konkretere Formen an. Ich kontaktierte meinen ehemaligen Lehrherren, bei dem ich im Sauerland meine Ausbildung zum Bierbrauer gemacht hatte. Es war mir im Garten bei den Nachbarn eingefallen, dass mein Lehrherr schon lange ein Haus auf Thassos besaß. Zufälligerweise traf er kurz vor unserer Abreise auch auf der Insel ein. Wir besuchten ihn und seine Frau auf der anderen Inselseite in Kinira.
Der alte Hase bestätigte das Potenzial für eine Brauerei. Er kannte den Markt, die Vorlieben der Touristen und die Sehnsucht nach etwas Authentischem. Aber er gab aus eigener Erfahrung zu bedenken, die Bürokratie nicht zu unterschätzen. Und die Bewohner von Thassos. Er beschrieb sie teilweise als missgünstig und gierig. Eine Realität, die sich nicht mit dem Postkartenidyll deckte. Die Gedanken kreisten um Brauerei, Oliven, Bürokraten und wurden dann mit Vergina Weizenbier weggespült. Eine vorübergehende Lösung für eine wachsende Anzahl von Fragen.
Der 28. August 2021, ein Samstag, sollte die Anreise nur rückwärts erzählen, so der Plan. Doch Pläne waren auf Thassos, wie so oft, nur grobe Richtungsangaben. Die Fähre von Limenas nach Keramoti, das Taxi zum Flughafen „Alexander der Grosse“ – alles lief nach Schema F, jenem F wie Fahrplan, das man in Deutschland so schätzte. Die Sonne brannte noch immer gnadenlos, die Luft roch nach Abschied und ein wenig nach Schweiß, zumindest bei mir. Das 48-Stunden-Deo versagte nach acht Stunden den Dienst.
Dann kam der Check-in am Schalter. Der Moment, in dem die Illusion der reibungslosen Rückkehr wie eine Seifenblase zerplatzte. Ich kramte in meiner Tasche. Dann in der nächsten. Und der nächsten. Kein Ausweis. Die Erkenntnis traf mich wie ein kalter Schlag ins Gesicht. Verdammt. Ich hatte ihn. Irgendwann. Vermutlich damals, beim Check-in im „Penthouse“, als ich in Badehose und Flip-Flops die Formalitäten erledigte. Und dann die Arschbombe in die Fluten der Ägäis. Ein Moment der Befreiung, der sich nun als potenzielles Desaster entpuppte. Eine kleine Handlung, die nun große Konsequenzen hatte.
Hektisch wurden Lösungen gesucht. Meine Mädels blieben erstaunlicherweise ruhig. Keine Hysterie, keine Vorwürfe. Nur ein leises, besorgtes Schweigen, das fast schlimmer war als jeder Wutausbruch. Aber die Dame von der Lufthansa war knallhart. Ihr Blick war undurchdringlich, ihre Worte knapp und präzise wie ein Uhrwerk: Ohne Ausweis kein Flug. Da gab es nichts zu rütteln, keine griechische Gelassenheit, kein „no problem“. Das war Deutschland, mitten in Griechenland. Und ich stand da, ohne Ausweis, aber mit dem Gefühl, dass Thassos mich vielleicht doch nicht so einfach gehen lassen wollte.
Um 16:23 Uhr Ortszeit gingen meine Frau und Tochter durch die Sicherheitskontrollen. Ich konnte ihnen noch kurz zuwinken, dann verschwanden sie Richtung Duty-Free und Boarding. Ein Stich. Der Abschied war nicht geplant gewesen, hinterließ uns alle konfus. Ich drehte um, zurück in die Hitze, zum Taxistand, auf die Fähre, wieder rüber nach Thassos. Nicht ohne drei Mythos auf der Fähre zu lenzen. Eine Art Selbstmedikation gegen die aufkommende Panik.
Auf Thassos begann die hektische Recherche nach Flügen. Das Penthouse, die Brüder-Beachbar sowie die komplette Lobby des Brüderanwesens wurden mit deren Hilfe nach meiner kleinen Plastikkarte durchsucht. Ergebnislos. So viel Einsatz, so viel Dankbarkeit, so wenig Erfolg. Eine Nachricht an den Chef, dass sich meine Rückkehr etwas verzögere. Die postwendende Antwort war so deutsch wie die Lufthansa-Dame am Schalter: Wie blöd man denn denn sein könne und ob es sich nicht vielleicht um Vorsatz handeln würde. Genau das brauchte ich bei der Suche nach Auswegen auch noch. Ein weiterer Stein um den Hals, der mich nach unten zog. Die Verlustmeldung des Dokumentes bei der örtlichen Polizei dank Unterstützung und Dolmetschung des Nachbarn eine kleinere Hürde. Die Gedanken kreisten, die Hitze drückte, und die Bürokratie schien sich wie ein unsichtbarer Schleier über alles zu legen.
Die finale Rettung kam von der Mutter des Nachbarn, die in Kavala auf dem Festland wohnte. Sie war so nett, mir das Gästezimmer anzubieten. Ein Flug von Thessaloniki nach Hamburg war auch erschwinglicher als befürchtet und sofort gebucht.
Nach einer kurzen Nacht auf dem Sofa bei den Nachbarn ging es wieder auf die Fähre, diesmal direkt von Skala Prinos nach Kavala. Auf dieser Überfahrt überkam mich ein seltsames, melancholisches Gefühl. Thassos, das ich gerade erst kennengelernt und schon ein wenig lieb gewonnen hatte, musste ich nun doch vorerst verlassen. Eine Insel, die sich in wenigen Tagen von einem Sehnsuchtsort zu einem Ort der Überraschungen entwickelt hatte – und nun auch zu einem Ort des unfreiwilligen Exils.
In Kavala nutzte ich die Gelegenheit für eine Stippvisite bei der leider geschlossenen Brauerei Marmita. In meinen Gedankenspielen war sie ein potenzieller Partner für Lohnsude gewesen, eine Möglichkeit, die Brauerei-Idee auf Thassos voranzutreiben, ohne sofort in eigene Infrastruktur zu investieren. Nun ja, erstmal geschlossen. Typisch.
Nach einem halbstündigen Fußmarsch, immer bergauf, kam ich schließlich schweißgebadet bei der Mutter des Nachbarn an. Sie begrüßte mich herzlich und verwöhnte mich mit Kaltgetränken und dem besten Gyros, das ich je gegessen hatte – natürlich auch mit Pommes und Senfsoße. Vorher noch eine erfrischende Dusche, die das Salz und den Schweiß des Tages abwusch und ein kurzes Gefühl von Normalität zurückbrachte. Eine Gastfreundschaft, die so überwältigend war, dass sie die Absurdität meiner Lage fast vergessen ließ.
Nach einer weiteren kurzen Nacht ging es bei Sonnenaufgang den Berg runter zum Busbahnhof. Dort fuhr fahrplanmäßig der Überlandbus nach Thessaloniki. Der nächste Schritt auf einer Reise, die immer mehr zu einer Odyssee mit Plan wurde.
Vom Busbahnhof in Thessaloniki ging es in gewohnt wilder Fahrt mit dem Taxi zum deutschen Generalkonsulat. Ein Ritt durch den morgendlichen Verkehr, der mich fast vergessen ließ, warum ich überhaupt hier war. Um 8:58 Uhr stand ich vor der Rettung verheißenden Tür. Um Punkt 09:00 Uhr wurde mir Einlass gewährt. Eine Pünktlichkeit, die nach den griechischen Erfahrungen fast schon schockierend wirkte.
Nach zügiger Bearbeitung der Formalitäten – bemerkenswert zügig für einen Montagmorgen – und einem kurzen Abstecher zu einem lokalen Fotografen zwecks Passbild mit biometrischem, sonnengebräuntem Gesicht, hatte ich nach einer Stunde und vierzig Minuten einen vorläufigen amtlichen Lichtbildausweis in der Hand. Ein kleines Stück Papier, das die Welt bedeutete. Es war der Schlüssel zurück in die Normalität, ein Passierschein aus der unfreiwilligen griechischen Odyssee. Die Bürokratie, die mich auf der Insel bei meinen Gedankenspielen so genervt hatte, war hier, in ihrer deutschen Ausprägung, plötzlich mein bester Freund.
Mit dem vorläufigen amtlichen Lichtbildausweis in der Hand, dem Schlüssel zurück in die Normalität, hatte ich fast acht Stunden zur freien Verfügung. Boarding Richtung Hamburg war um 20:30 Uhr, abzüglich zwei Stunden für den Check-in mit meinem frischen Dokument. Acht Stunden in einem unglaublichen Hochgefühl, bei unglaublicher Hitze, in einer tollen griechischen Großstadt. Die Stadt atmete den Rhythmus des Südens, und ich mittendrin, ein ungeplanter Tourist mit einem Hauch von Abenteurer.
Ich machte ausgedehntes Sightseeing, kaufte eine Powerbank, denn mein Mobiltelefon, in dieser Situation von fast elementarer Bedeutung, taumelte schon am unteren Ende seiner Akkuleistung. Das verspätete Frühstück war ein ausgesprochen schmackhafter Hotdog, eingewickelt in Papier mit der Aufschrift „HEALTH – Food in the City“. Mal wieder wusste ich nicht, ob das ernst gemeint war oder typisch griechischer Humor. Meine Sohlen qualmten, und es zog mich in den Schatten einer Schänke am Hafen. Dort, mit Blick auf das Kommen und Gehen der Schiffe, genehmigte ich mir zwei „Fischer Pilsener“. Eine Art Feier des kleinen Triumphes. Die Zeit verging wie im Flug, und mit einem letzten Blick auf die verbleibende Zeit in Thessaloniki machte ich mich auf Richtung Flughafen.
Ein weiterer wilder Ritt mit dem Taxi durch den Feierabendverkehr bescherte mir am Ende die fünfte Taxifahrer-Visitenkarte in der Tasche. „War eh Zeit für eine neue Tapete zu Hause“, dachte ich, mit einem Anflug von trockenem Humor auf die neuen Sammelobjekte. Der Check-in verlief unspektakulär bis langweilig, der Rückflug in Erwartung einer dann doch ausbleibenden Panikattacke ebenso. Die Angst war weg, geblieben war nur das Gefühl eines unfreiwilligen Abenteuers, neuer Blickwinkel und vorher ungeahnter Möglichkeiten.
Schwur gegen Schulden und Tinyhouse am Meer
Den Winter verbrachte ich, wie man das so macht, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden. Viel Arbeit in der Brauerei, die sich anfühlte wie ein Hamsterrad, in dem man immer schneller lief, ohne wirklich voranzukommen. Daneben die Träumereien. Rund um Thassos. Bilder von Sonne, Meer und der unzuverlässig zuverlässigen griechischen Lebensart, die sich in meinem Kopf festgesetzt hatten wie Kaugummi unter dem Schuh.
Die Nachbarn hatten in der Zwischenzeit tatsächlich eine Immobilienmaklerei auf Thassos gegründet. Die ersten Angebote tauchten auf ihrer Homepage auf. Ich scrollte durch, mal mehr, mal weniger bewusst, und dann war es da. Ein Apartment. Dreißig Quadratmeter. Zu einem erschwinglichen Preis. Der Verstand schaltete sich ein. Die innere Stimme rezitierte die alte Finanzweisheit: „Kannst du es nicht zweimal kaufen, kannst du es dir nicht leisten.“ Ein Grundsatz, den ich mir nach all den Jahren der Schufterei, nach dem Desaster mit der Brauerei im Ruhrgebiet, an der ich beteiligt war, und der daraus resultierenden Verschuldung, die ich endlich abgearbeitet hatte, tief verinnerlicht hatte. Nie wieder. Nie wieder für die Banken arbeiten gehen.
Doch dieses Apartment… es lag nur hundertfünfzig Meter vom Strand entfernt. Unweit des süßen Häuschens von den Nachbarn. Und ebenso unweit der Brüder-Beachbar, die mit ihrem „no shirt – no shoes – no problem“ längst zu einer Art Mantra geworden war. Die Vernunft hatte gerade eine kurze Sendepause eingelegt.
Die Kosten für das Apartment beliefen sich auf etwas über die Hälfte des verfügbaren Kapitals. Das war ein Batzen Geld. Zuzüglich Renovierung und der Anschaffung moderner, zweckmäßiger, multifunktionaler Möbel musste eine Refinanzierung her, um den finanziellen Leitsatz – „kannst du es nicht zweimal kaufen, kannst du es dir nicht leisten“ – nicht zu brechen. Ich verbrachte den frühen Februar damit, die Ausstattung zu planen, die Kosten zu kalkulieren und die bürokratischen Hürden für eine gewerbliche Vermietung zu prüfen. Ein Marathon aus Zahlen und Paragraphen, der sich durch die langen Winterabende zog.
Am Ende sah alles gut aus. Selbst bei einer geringen Belegung zu einem fairen Preis war der Kauf lukrativ, auf Augenhöhe mit der Rendite der Investments an der Börse. Der Entschluss war gefasst.
Meine Frau äußerte Bedenken. Die lange Anreise. Wer das Apartment bewirtschaften sollte. Die Bindung an eine Destination. Sie hatte meine Vision unseres weiteren Lebens, das sich langsam aber sicher von den Fesseln des Alltags in Deutschland lösen sollte, noch nicht verinnerlicht. Aber meine Tochter? Die hatte ich schon lange überzeugt. Das war die entscheidende Zwei-Drittel-Mehrheit im Familienrat.
Ich buchte direkt Ende Februar Flüge von Hamburg nach Thessaloniki für uns drei. Am 10. April sollte der Flieger um 10:05 Uhr ab Hamburg gehen. Der Plan war, die Immobilie zu besichtigen und dann, wenn alles passte, den Kaufvertrag zu unterzeichnen. Thassos rief wieder.
Nervenaufreibend entwickelte sich in der Zwischenzeit die Apartmentsituation auf Thassos. Das Zwei-Zimmer-Apartment hatte der Eigentümer inzwischen verkauft, ohne die Nachbarn als Makler zu informieren. Ein Tiefschlag. Zwei Tage später rief die Nachbarin mich an, dass im gleichen Komplex zwei kleine Apartments, eher Wohnklos, zum Verkauf stünden. „Auch gut“, war der Gedanke. Ein paar pfiffige Detaillösungen, das Leben findet meist draußen statt, und für zwanzig Quadratmeter würde nur die Hälfte des vorher fälligen Kaufpreises fällig. Also schnell nach Thassos, bevor auch die Schuhkartons aus Beton verkauft wurden, bevor wir zuschlagen konnten.
So kam es auch. Nur Tage vor unserem Abflug hatte auch diese Verkäuferin die Apartments anderweitig verkauft. Keine Provision für die Nachbarn, kein Apartment für uns. Enttäuscht, aber dennoch voller Vorfreude, starteten wir von Hamburg nach Thessaloniki. Für mich schon Routine vom improvisierten Rückflug, für meine Damen aufregend und Neuland. Die Hoffnung auf ein eigenes Stück Thassos war zwar gedämpft, aber die Insel selbst zog uns immer noch magisch an.
Am Flughafen „Makedonia“ Thessaloniki wurden wir von Dimitrios* abgeholt, einem Taxifahrer und Bekannten der Nachbarn. Er sollte uns zum Fährhafen in Kavala bringen. Auf dem Weg wurde in einer Vorstadt von Thessaloniki noch eine ältere Dame zugeladen, damit die Sitzplatzkapazität des Mercedes ausgelastet war. Mit Handgepäckkoffern auf dem Schoß und der griechischen, frisch vom Doktor gecheckten Oma ging es einhundertzweiundsiebzig Kilometer in ruhiger und fast schon defensiver Fahrt zur Fähre nach Skala Prinos. Eine Fahrt, die sich, entgegen aller Erwartungen, als erstaunlich entspannt herausstellte. Manchmal war das Leben einfach unvorhersehbar gut.
Wir konnten direkt von der Fähre aus, nach nur einhundertzwanzig Metern Fußweg, in unserem Apartment neben dem betriebsamen Hotel mit der zitronengelben Mauer einchecken und einziehen. Ein Glücksfall, nachdem die letzten Apartment-Deals ins Wasser gefallen waren. Das Wiedersehen mit unseren Freunden und Ex-Nachbarn wurde standesgemäß beim Andreas Grill mit Gyros Pita in bekannter Darreichungsform gefeiert. Wieder großes „Hallo“ und „Kalispera“, Tränen und viel zu erzählen. Die Anspannung der letzten Wochen verschwand langsam im Duft von gegrilltem Fleisch und Pommes und Senfsoße, und ein Gefühl der Erleichterung machte sich breit. Wir waren wieder da. Und diesmal richtig.
Die Insel präsentierte sich uns diesmal ganz anders als im trubeligen Sommer. Die meisten Hotels, Restaurants und Geschäfte in Skala Prinos waren geschlossen. Eine Ruhe lag über dem Ort, die fast schon gespenstisch wirkte nach dem geschäftigen Treiben des Sommers. Unsere Unterkunft verdankten wir den Beziehungen der Nachbarn, die die Betreiber beim noch laufenden Umbau unterstützten und gut kannten. Ein kleines Schlupfloch in der Nebensaison, das uns Thassos von einer ganz neuen, stilleren Seite zeigte.
Wir verbrachten die Zeit mit Ausflügen und der Besichtigung zahlreicher Immobilien. Es war eine Tour durch Ruinen und Potenziale, durch Träume und Ernüchterungen. Ein baufälliges kleines Häuschen, eher eine Baracke, kurz hinter Skala Kalarachi, hatte es uns auf Anhieb angetan. Es lag direkt am Meer, eine Kulisse, die nach Tagträumen schrie. Doch die Preisvorstellung des Eigentümers sprengte jeden finanziellen Rahmen. Sämtliche Ersparnisse und noch mehr, also Kredite, wären fällig geworden für diesen Traum. Ich hatte mir geschworen, nie wieder Schulden zu machen, und dieser Schwur war hier, am Rande der Ägäis, wichtiger denn je. Eine Kulisse für Tagträume, mehr blieb es leider nicht. Auch wenn unsere Tochter bis heute von diesem kleinen Juwel schwärmt, war es ein unerreichbarer Traum.
Die Suche nach unserem Stück Thassos ging weiter. Es standen noch weitere Immobilien und bislang unentdeckte Ecken der Insel zur Besichtigung an. Wir fuhren über enge Straßen, vorbei an Ziegen und endlosen Olivenhainen, hoch nach Sotiras. Das Dorf klammerte sich an den Berghang, die Häuser wirkten wie zufällig hingewürfelt, und die Zeit schien hier einen anderen Gang einzulegen. Ein Ort, der das Prädikat „ursprünglich“ nicht nur trug, sondern auch lebte. Dort erwartete uns ein gut erhaltenes, großzügiges Haus mit einem unglaublichen Blick den Berg hinunter auf das Meer und bei guter Sicht sogar bis zum Festland. Die Aussicht war atemberaubend, fast schon kitschig perfekt. Doch auch bei diesem Objekt würde das Budget knapp werden. Und wir drei waren uns einig: Das Meer sollte näher sein. So ein Blick war schön, aber man konnte sich schlecht darin abkühlen.
Was von Immobilienmaklern häufig als „Handwerkerimmobilie mit Charme“ angepriesen wurde, fanden wir in Kalirachi. Das Dorf lag ebenfalls malerisch an einem Hang, die Häuser schienen sich aneinanderzuklammern, als wollten sie nicht in die Tiefe stürzen. Ein Ort, der das Versprechen von „Authentizität“ hielt, auch wenn es manchmal nach Feuchtigkeit und alten Träumen roch. Auch hier bot sich ein wundervoller Blick über die Berge auf das Meer. Doch bevor wir uns der Romantik des Ausblicks hingeben konnten, warnte uns die Nachbarin, nicht zu weit auf den Balkon zu treten – Einsturzgefahr. Das gleiche Fazit galt, wie ich schnell feststellte, für den Rest dieses ursprünglichen Gemäuers. Eine Abrissbirne hätte hier leichtes Spiel, dachte ich, und würde wahrscheinlich einen besseren Job machen als jede Renovierung.
Da nach gemeinschaftlichem Willen Bergdörfer für die weitere Immobilienschau gestrichen wurden, fokussierten wir uns wieder auf Orte mit dem Präfix „Skala“ – also Strand. Die Füße im Sand, das war die Devise. Und nicht die Gefahr, dass der Balkon unter einem nachgibt.
Die Immobiliensuche hatte sich auf die „Skalas“ verlagert, aber das bedeutete nicht, dass keine Arbeit anfiel. Ich half dem Nachbarn, Werbeschilder für ihre Immobilienmaklerei zu montieren. Zuerst auf der im Hafen liegenden Fähre, ein Unterfangen, das sich in der salzigen Luft als erstaunlich hartnäckig erwies. Dann an der zum Verkauf stehenden Tankstelle. Ein großes „Zu verkaufen“-Schild sollte es sein, weithin sichtbar. Wir hatten es schon halb aufgehängt, als dem Besitzer einfiel, dass das Schild doch zu groß war, zu windanfällig und zu plakativ. Nach einem kurzen, hitzigen griechischen Wortwechsel zwischen dem Nachbarn und dem Tankstellenbesitzer – eine Art südliches Gezeter, bei dem viel mit den Händen geredet wurde – tüddelten wir das Schild wieder ab. Der Nachbar schmiss es wutentbrannt in den Kofferraum des betagten silbergrauen Hyundai, und der Tag war für ihn gelaufen. Manchmal reichen Kleinigkeiten, um ein Fass zum Überlaufen zu bringen.
Für uns hatte die Nachbarin noch einen Spezialauftrag: Wir sollten Interessenten bei einem Ortstermin in Skala Sotiras spielen. Ein sogenannter „Walk-Through“. Der Verkäufer, ein Berliner, dessen Ehe mit einer Thassossianerin etwas glücklos verlaufen war. Das Haus, das er verkaufen musste, war eine Offenbarung der besonderen Art. Die Inneneinrichtung war komplett im Versace-Stil gehalten, ein goldlastiger Albtraum aus Säulen und Medusenköpfen. Der Pool war zwar groß, aber verwahrlost, und von billigen Solarfackeln umrahmt, die an einen schlecht beleuchteten Campingplatz erinnerten. Eine sprechende Ritterrüstung am Eingang, die durch einen Bewegungsmelder gesteuert Sätze von sich gab, beeindruckte jeden Besucher, wenn auch nicht im positiven Sinne.
Nach kurzer Begehung und ausgedehnten Beschwerden des Berliners über die Nachbarn, die sich einen Großteil des Grundstücks ertrickst hätten, über die Bewertung der Immobilie und die frechen Angebote der bulgarischen Interessenten, sowie die einstweilige Verfügung, die seine demnächst Ex-Frau gegen ihn erwirkt hatte, weil er sie bedroht haben sollte – „alles Quatsch“, wie er versicherte, an allem Elend waren die anderen schuld, nur Stefan nicht – wussten wir, dass hier viel im Argen lag. Nachdem die Bulgaren ankamen, verabschiedeten wir uns zügig. Wir wünschten dem Berliner noch ein „Kopf hoch, wird schon“ und hofften, dass sich unsere Wege so schnell nicht wieder treffen würden. Manche Begegnungen waren einfach zu viel des Guten.
In direkter Nachbarschaft der Nachbarn stand ein blau-weiß gestrichenes Tiny House, der Gegenentwurf zu Stefans Versace-Albtraum. Ich war schon länger von diesem minimalistischen Konzept angetan. Von der Vorstellung, wie viel Ballast man eigentlich nicht brauchte, wenn man sich auf das Wesentliche konzentrierte. Und so war ich froh, endlich eines aus der Nähe zu betrachten. Der Nachbar mähte den Rasen für die deutsche Besitzerin aus Hannover und hatte den Schlüssel für das schwere Kettenschloss am Tor zu ihrem Grundstück. Der Nachbar hatte eine Terrasse aus Bruchsteinplatten vor dem Tiny House angelegt, die von einem mit Weinreben überwucherten Rankgerüst überspannt war. Das nächste Projekt sollte der Abriss einer von ihrem Vater gegossenen Bodenplatte sein, die von den Behörden als Schwarzbau identifiziert worden war, statt die stabile Basis für ein schönes Häuschen zu werden. Manchmal schien es, als würde die Bürokratie hier mehr abreißen als die Menschen zu bauen vermochten. Die Ausführung des Tiny Houses und die gelungene Terrasse begeisterten mich nachhaltig.

Und dann, bei einem Strandspaziergang, bei dem wir zufällig eine alte griechische Münze fanden, einen Vorläufer der Drachme – man hob sie auf und fragte sich, ob das Glück brachte oder gar unerwarteten Reichtum –, stießen wir auf ein Grundstück, das mich sofort gefangen hielt. Direkt am Strand gelegen, mit einem Bestand an schattenspendenden Pinienbäumen und ausreichend Fläche für Tiny House, Terrasse, Rankgerüst und Outdoorküche. Vorne die Wellen, die langsam an den feinen Sandstrand plätscherten, hinten das Gezirpe von Grillen in der Macchia. Es war die Art von Grundstück, bei der man sofort anfängt zu planen, ohne die leiseste Ahnung zu haben, ob es überhaupt eine Chance gab. Ein handgemaltes Schild mit dem Hinweis „zu verkaufen“ auf Griechisch, gefolgt von einer ebenfalls griechischen Mobilfunknummer. Ich war Feuer und Flamme und drängte den Nachbarn, sofort anzurufen, um Details zu erfragen.

Es dauerte quälend lange. Griechische Zeitrechnung. Bis sich herausstellte, dass bereits ein anderer Makler das Grundstück vertreiben sollte, dieser Makler aber keinerlei Ambitionen hatte, die Sache voranzutreiben. Es fehlte ein aktuelles „Topografico“, eine Landkarte mit den genauen Grundstücksgrenzen. Heißt: Keiner wusste, ob das Grundstück tatsächlich bis zum Strand ging oder doch mehr ins Hinterland Richtung undurchdringliches Dickicht. Meine Begeisterung bekam einen Dämpfer nach dem anderen. Ich warte bis heute auf das vollständige Exposé des Grundstücks. Die griechische Bürokratie gekoppelt mit dem griechischen Phlegma war wie ein unsichtbares Monster, das alles Gute im Keim zu ersticken drohte.
Was aber blieb, war das Konzept, die Idee: nicht eine fertige Immobilie, sondern etwas Eigenes zu schaffen, auf eigenem Grund und Boden. Eine Vorstellung, die sich im Kopf festsetzte, auch wenn die Realität noch Meilen entfernt schien.
Wir wollten einen Tagesausflug nach Kavala unternehmen, hatten aber noch Zeit, bis die Fähre ablegen würde. Man hatte immer Zeit, wenn man dachte, man hätte keine. Bei einem Spaziergang kamen wir am Ende der Promenade von Skala Prinos an ein verlassenes, etwas zurückgesetztes Bistro. Es lag direkt in der ersten Reihe, die Lage war unschlagbar. Ein weiteres Feuer war in mir entfacht. Die Theke war noch intakt, und im hinteren Fenster hing ein altes Emailleschild von Veltins. Überraschend für ein Bistro namens „Il Blue“ auf einer griechischen Insel wie Thassos. Manche Dinge passten einfach nicht zusammen, und genau das machte sie interessant.
Der Loungebereich zwischen der kleinen Mauer, die die Promenade abgrenzte, und dem blau gestrichenen Gebäude schrie förmlich nach einer Neubelebung. Ein Brewpub direkt an der Promenade, am Meer. Selbstgebraute Biere und beste Burger – das, was wir im Norden Deutschlands erfolgreich unseren Gästen kredenzten, würde hier ganz sicher auch laufen. Man hatte ja schließlich Expertise. Der Vorhang hob sich zum nächsten Akt in meinem Kopfkino, während wir nach Kavala übersetzten. Dort angekommen, ging die Tour hoch zur alten Festung, vorbei an einer Bar mit einer reichhaltigen Auswahl an Craftbieren. „Siehste“, dachte ich, „auch Griechenland ist bereit für Biervielfalt.“ Man musste nur genauer hinschauen. Die Gedanken drehten sich um Rezepturen, Sorten, Mengen und den Kapitalbedarf für die Ausstattung, während wir weiter nach oben stiegen. Kapitalbedarf. Das war immer das Problem. Die griechischen Berge waren steil, aber die finanziellen Hürden manchmal noch steiler.
Die Altstadt von Kavala, mit ihren engen Gassen und den alten Häusern, die sich an den Hang klammerten, hatte ihren ganz eigenen Charme. Die Gerüche von Gewürzen und alten Steinen vermischten sich mit dem leisen Gemurmel der Bewohner, einem Gemisch aus Griechisch und den Sprachen der Touristen. Überall der Duft von Kaffee und dem Rauch der Zigaretten. Ein Ort, der Geschichte atmete, während meine Gedanken bereits die Zukunft planten. Manchmal fühlte es sich an, als würde man in zwei Welten gleichzeitig leben, die alte in Deutschland und diese neue, potenzielle Existenz, die hier unter der griechischen Sonne langsam Formen annahm. Es war ein Balanceakt, der nicht immer leichtfiel, aber der Gedanke an ein eigenes Bier direkt am Meer, der half, ihn zu meistern.
Wir erkundeten Kavala, bestaunten den alten Aquädukt – ein steinernes Wunderwerk, das sich über die Dächer spannte und mehr über die Geschichte erzählte als jedes Museum. Wir flanierten an den Geschäften und Bistros vorbei, wo der Duft von griechischem Kaffee in der Luft lag und die Menschen saßen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Mit der letzten Fähre setzten wir wieder über nach Skala Prinos. Es stellte sich ein Gefühl von vertrautem Wiederkommen ein. Das war es also, das Gefühl von Heimat.
Die restlichen Tage waren, wie immer, viel zu kurz. Wir besichtigten noch weitere Immobilien, die den Entschluss, ein Stück Land zu kaufen, weiter bestärkten. Teils war die Lage nicht das Richtige, teils waren die Preise überteuert – vor allem, wenn die Nähe zum Strand ins Spiel kam. Da fiel es nicht schwer, bei den Objekten abzuwinken. Das Budget war schließlich kein Gummiband.
Der Tag der Abreise kam, unvermeidlich wie das Aufgehen der Sonne. Wieder auf die Fähre, ins bestellte und von Dimitrios* gelenkte Taxi nach Thessaloniki, über München, dann direkt nach Bremen. Wir dachten, die Corona-Welle wäre vorbei. Eine dieser kollektiven Wunschvorstellungen. Doch der heftigst hustende Mann hinter uns im Flug nach München bescherte uns dreien ein unliebsames Urlaubsmitbringsel. Nach zwei Tagen wurde erst unsere Tochter, dann meine Frau und schließlich ich krank. Wir durchliefen das Prozedere mit Test, Quarantäne und versorgten uns gegenseitig mit Hühnerbrühe. Ein unrühmliches Ende einer Reise, die so vielversprechend begonnen hatte, und die so viele neue Samen gesät hatte.
Fortsetzung folgt…
*Namen geändert


